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Zwischen Papyrus und Postkarten: Warum die Nilkreuzfahrt 1995 eine Reise in eine andere Welt war

Wer heute an eine Nilkreuzfahrt denkt, hat oft Bilder von Schiffskolonnen und perfekt durchgetakteten Landausflügen im Kopf. Doch wer das Glück hatte, Mitte der 90er-Jahre – genauer gesagt im Jahr 1995 – an Bord zu gehen, erinnert sich an ein Ägypten, das sich heute fast wie ein Traum anfühlt.

Es war eine Zeit vor dem großen digitalen Rauschen, eine Ära der puren Entdeckung und der wohltuenden Stille.

Die Ankunft in einer anderen Welt

1995 begann das Abenteuer oft schon bei der Landung in Luxor. Kein hochmoderner Glas-Terminal, sondern ein noch kleiner Flughafen, der nach Wüste und Kerosin roch. Man bestieg ein Schiff, das mehr Ähnlichkeit mit dem Set von Tod auf dem Nil hatte als mit einem modernen Hotel. Dunkles Teppich-Design, schwere Vorhänge und die Klimaanlage, die eher ein beruhigendes Brummen als echte Kälte lieferte.

Stille statt Selfie-Sticks & WLAN-Wahn

Das Kostbarste an dieser Zeit war die absolute Abwesenheit der Massen. Wenn man morgens in das Tal der Könige fuhr, gab es keine kilometerlangen Schlangen vor den Gräbern. Man stand oft völlig allein in der Grabkammer von Ramses VI. und hörte nichts außer dem eigenen Atem und dem fernen Rascheln der Wächter-Gewänder. Es gab keine Smartphones, die den Blick versperrten, und „WLAN“ hielten wir damals höchstens für den Namen einer obskuren ägyptischen Gottheit, die für Funkstille zuständig war. Niemand hielt Bildschirme in die Höhe, um das perfekte Foto für Instagram zu schießen oder den Livestream zu füttern. Man blickte einfach nur minutenlang auf die Hieroglyphen, bis das Auge die Details wirklich begriff, ohne dass im Hintergrund jemand nach dem Router-Passwort fragte.

Unser wichtigstes Reise-Gadget 1995 war kein Smartphone oder DSRL, sondern eine Plastiktüte voller Kodak-Filmrollen in Farbe und . Man hatte genau 36 Schüsse pro Film. Das bedeutete: Man starrte fünf Minuten lang auf die Sphinx, um den perfekten Winkel zu finden, drückte ab – und wusste erst drei Wochen später im Fotoladen zu Hause, ob man ein gutes Foto erzielt hatte oder wieder einmal seinen eigenen Daumen fotografiert hat. 

Massentourismus? Welcher Massentourismus?

Wenn wir 1995 an den Tempeln von Abu Simbel anlegten, waren wir nicht Teil einer Kreuzfahrt-Armada. Wir waren eine kleine Gruppe von Exoten. Es gab keine Selfie-Sticks, die einem das Auge ausstechen wollten, und keine Drohnen, die wie aggressive Mücken über den Ruinen summten.

Man konnte sich im Tempel von Karnak tatsächlich noch wie Indiana Jones fühlen. Die einzige „Crowd“, der man begegnete, war eine Herde Ziegen am Ufer oder ein gelangweilter Wächter, der für ein Bakschisch und ein kurzes Gespräch die geheimen Ecken des Tempels aufschloss. Man hatte Zeit!

Das schwimmende „Grand Hotel“ (mit 90er-Charme)

Unsere Kabine war eine Hommage an alles, was in den Neunzigern modisch war: Viel Teppich, viel Messing und Vorhänge aus schwerem Samt, die so viel Staub der Geschichte gespeichert hatten, dass man beim Zuziehen eine Zeitreise machte.

Die Klimaanlage klang wie ein startender Düsenjet, kühlte aber nur auf die Temperatur eines lauen Sommerabends in Nürnberg herunter. Wir hatten keinen Fernseher auf dem Zimmer – und ganz ehrlich, wir hätten ihn auch nicht gebraucht. Statt durch Kanäle zu zappen, starrten wir abends auf das dunkle Nilufer und lauschten dem fernen Echo der Zikaden. Es gab keine Fernbedienung, um der Realität zu entfliehen, und kein flimmerndes Testbild, das uns in den Schlaf wiegte. Unser „Programm“ war das Fenster: Ein 24-Stunden-Live-Stream aus Palmen, Felukken und dem zeitlosen Rhythmus des Flusses. Das war echtes Binge-Watching, ganz ohne Strom und Pixel.

Das echte Leben am Ufer

Die Menschen am Ufer winkten uns 1995 nicht zu, weil es so im Reiseführer stand, sondern aus echter, unverfälschter Neugier. Kinder paddelten in ihren winzigen Einer-Booten – oft kaum mehr als ein ausgehöhlter Stamm oder ein paar zusammengebundene Bretter – mit dem Schiff um die Wette und lachten uns zu.

Damals war die Welt noch eine andere: Es gab keine Erwartungshaltung an teure Geschenke. Die Kinder freuten sich mit einer Begeisterung über Kugelschreiber oder eine Handvoll Gummibärchen, als hätte man ihnen einen Schatz überreicht. Es war ein ehrlicher Austausch, fernab vom heutigen Kommerz.

In den kleinen Dörfern am Ufer stieg der blaue Rauch der Kochfeuer auf und vermischte sich mit dem Duft von trockenem Wüstensand und Nilwasser. Es gab noch keine Souvenir-Verkäufer, die einen mit billigen Plastik-Pyramiden bedrängten. Stattdessen tauschte man ein herzliches „Salam“ gegen den Anblick eines vorbeiziehenden Eselskarrens, der so hoch mit frisch geschnittenem Zuckerrohr beladen war, dass man das Tier darunter kaum noch sah. Man spürte die Wärme einer Welt, die noch ganz bei sich war.

Kulinarik ohne Chichi: Der Geschmack des echten Ägyptens

Kulinarische Nostalgie: Das Essen war ehrlich und einfach. Es gab keine Avocado-Toasts oder Quinoa-Salate. Wir schwelgten in cremigem Hummus, rauchigem Baba Ganoush und frisch gebackenem Fladenbrot, das noch die Hitze des Steinofens in sich trug. Es gab keine „Veggie-Ecke“ oder glutenfreie Stationen. Man aß, was auf den Tisch kam – und das war meistens fantastisch. Legendär waren die gefüllten Weinblätter (Mahshi) und der duftende Zimt-Reis, der oft mit kleinen gerösteten Fadennudeln gemischt war. Das Fleisch, meist Lamm oder Huhn, war butterzart geschmort und schmeckte nach Kreuzkümmel und Koriander, nicht nach Fertiggewürz.

Zum Nachtisch gab es kein trendiges Mousse au Chocolat, sondern die volle Dröhnung Orient. Baklava und Om Ali (ein ägyptischer Brotpudding mit Nüssen und Rosinen), so süß und in Honig getränkt, dass man nach zwei Bissen eigentlich einen Zuckerschock bekam – aber man konnte einfach nicht aufhören. Das Teeritual: Der Nachmittagstee auf dem Oberdeck war heilig. Er wurde in kleinen Gläsern serviert, oft mit einem frischen Zweig Minze. Es gab keinen Schnickschnack, keine 20 verschiedenen Sorten. Nur Schwarztee, viel Zucker und den Blick auf die vorbeiziehenden Dattelpalmen.

Das Essen war 1995 ein Teil der Entschleunigung. Man saß lange zusammen, es gab kein Handy-Geklingel am Nachbartisch, und die einzige Entscheidung, die man treffen musste, war: „Nehme ich noch ein drittes Stück Baklava oder passt das Abendessen dann nicht mehr rein?“ (Spoiler: Es passte immer.)

Die legendäre Galabeya-Party

Ein weiterer Höhepunkt der Reise war der Abend, an dem alle Gäste in traditionellen ägyptischen Gewändern, den Galabeyas, erschienen. Man kaufte sie am Vortag auf dem Basar in Luxor oder Kom Ombo – nach hartem Verhandeln um den letzten Piaster. Es war herrlich kitschig: Ein Schiff voller Europäer in bunten Gewändern, die zu arabischen Rhythmen tanzten, ohne dass jemand Angst haben musste, dass ein peinliches Video davon fünf Minuten später viral geht. Es war eine Zeit, in der man sich für den Moment kleidete und nicht für das Foto. Man fühlte sich ein bisschen wie ein Gast in einem Agatha-Christie-Roman – nur ohne den Mordfall, dafür mit viel mehr Herzlichkeit.

Auf bald! Euer Oli Köln

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